Wie entsteht aus einer kleinen Testveranstaltung mit 50 Gästen ein Festival, das heute 12.000 Menschen anzieht und in wenigen Jahren zur größten Veranstaltung in den Messehallen Münsters werden soll? Diese Frage stellten wir Marcel Windau und Dr. Bernard Sonnenschein, den Gründern von data:unplugged.
Ihre Antwort überrascht: Es war kein durchgeplantes Wachstumskonzept, sondern eine Mischung aus klarer Haltung, konsequenter Themenwahl und der Bereitschaft, Risiken einzugehen, bevor der Erfolg absehbar war. Im Gespräch mit Gerd und Jana Kulhavy erklären die beiden, warum Bekanntheit allein kein Festival trägt – und was Veranstalter aus diesem Wachstumsweg für eigene Events mitnehmen können.
Die Geburt einer Bewegung
Jana Kulhavy: Ihr seid nun zum dritten Mal mit data:unplugged aktiv. Wie hat alles angefangen?
Marcel Windau: Vorher gab es zwei Vorgänger unter dem Namen „Data Culture Night". Die erste fand im Frühjahr 2023 in Frankfurt statt – bewusst klein, mit etwa 50 Menschen. Wir wollten testen, ob das Konzept funktioniert. Post-Corona hatten die Menschen einfach Bock, sich wiederzutreffen.
Dr. Bernard Sonnenschein: Parallel dazu hatten wir im Podcast bereits rund 150 hochkarätige Gäste interviewt – fast ausschließlich C-Level-Führungskräfte. Daraus entstand die Idee: Was passiert, wenn wir diese Top-Leute zusammenbringen? Das erste offizielle data:unplugged Festival im März 2024 zog dann fast 1.000 Menschen an. Und das Timing war perfekt: ChatGPT und andere Tools waren plötzlich omnipräsent, das Interesse an KI und Daten explodierte.
Warum das Format so gut funktioniert
Jana Kulhavy: Was macht data:unplugged so besonders?
Marcel Windau: Mehrere Dinge kommen zusammen. Erstens geben wir der Veranstaltung einen klaren Rahmen: Alles ist „Du" – wir duzen jeden, vom Uli Hoeneß bis zum Markus Lanz. Das überträgt sich auf die Gäste. Sie sagen: „Endlich mal nicht so steif!"
Zweitens war der Datenbereich vorher staubtrocken. Wir haben ihn bunt, laut und divers gemacht. Bei uns darf man auch sagen, dass KI Geld kostet und eine Fehlinvestition sein kann. Das ist ehrlich.
Dr. Bernard Sonnenschein: Drittens denken wir das Event als Medium, nicht als Veranstaltung. Wir holen Celebrities, Influencer, Künstler – Menschen aus ganz anderen Welten. Das schafft diese einzigartige Mischung.
Aus unserer Erfahrung zeigt sich hier ein Muster, das wir auch bei anderen erfolgreichen Formaten beobachten: Die konsequente Haltung eines Events – ob geduzt oder gesiezt, ob nahbar oder distanziert – entscheidet oft mehr über die Wirkung als das Programm selbst.
Die Kraft der Kooperationen
Gerd Kulhavy: Wie wichtig sind Partner für diese Größenordnung?
Dr. Bernard Sonnenschein: Absolut essenziell. Ohne Partner funktioniert das nicht. Wir sehen das bei Heilbronn – Schwarz und Lidl investieren massiv in ihren Standort. Das ist das Modell: Gemeinsam Gas geben, voneinander lernen, Chancen kreieren.
Unsere Partner bekommen eigene Areas, eigene Programme. Die Volksbank hatte ihre eigene Area – das schafft Identität im Rahmen des Festivals. Das ist nicht Werbung, das ist echte Zusammenarbeit.
Der europäische Appell
Gerd Kulhavy: Ihr sprecht immer von einer „Bewegung" für Deutschland und Europa. Was treibt euch an?
Marcel Windau: Wir sind regional patriotisch. Deutschland und Europa sind im Bereich Daten und KI abgehängt – das ist Fakt. USA und China laufen uns davon. Wir wollen nicht komplett abhängig sein. Deshalb kämpfen wir dafür, deutsche und europäische Player auf die Bühne zu bringen.
Dr. Bernard Sonnenschein: Ein Beispiel: SAP ist unser wichtigster Partner. Es wäre wirtschaftlich einfacher, auf amerikanische Unternehmen wie Salesforce oder Microsoft zu fokussieren. Aber wir haben hart dafür gekämpft, dass SAP dabei ist. Das kostet uns Opportunitätskosten, aber es ist uns wichtig. Wenn sich deutsche Unternehmen nicht zeigen, sind sie nicht sichtbar. Wir geben ihnen eine Plattform – sie müssen sie nur nutzen.
Zahlen, die sprechen
Jana Kulhavy: Wie ist das Wachstum?
Marcel Windau: Wir sind eines der am schnellsten wachsenden Eventformate Europas. Von 50 Menschen in Frankfurt über 150 beim zweiten Test zu knapp 12.000 Teilnehmenden dieses Jahr. Für nächstes Jahr peilen wir 17.000 an – intern sogar 20.000. Damit wird data:unplugged die größte Veranstaltung in den Messehallen Münsters. Geplant sind über 250 Partner und 350 Speaker auf 6 Bühnen.
Der Erfolgsfaktor: Mut
Marcel Windau: Wenn ich ehrlich bin: Mut war der Schlüssel. Mut, groß zu denken. Mut, Markus Lanz oder Wladimir Klitschko zu buchen. Mut, zu sagen „wir schaffen das" – ohne zu wissen, ob es funktioniert.
Hätten wir von Anfang an gesagt „erst 200, dann 500, dann 800", wären wir auch nicht mehr geworden. Wir haben an unsere Ziele geglaubt und sind die Extrameile gegangen.
Dr. Bernard Sonnenschein: Wir sind noch 20 Leute im Team. Das ist unser Vorteil – wir sind agil, mutig, lösungsorientiert. Wir wussten nicht, dass es „nicht geht" – und deshalb haben wir es gemacht. Das ist unsere Botschaft an Deutschland und Europa: Zeigt euch! Sonst kaufen alle bei den Amerikanern.
Gerd Kulhavy: Gratulation zu dem, was ihr erreicht habt. Der Schmerz ist groß genug in Europa – und ihr seid die, die das Risiko auf sich nehmen. Das ist bewundernswert.
Vision für die nächsten Jahre
Jana Kulhavy: Wo seht ihr euch 2031?
Marcel Windau: Das Festival bleibt in Münster – das ist unser Anker. Das Wachstum läuft dann über Satellite Events in anderen Ländern. Wir führen bereits Gespräche für Deep Dives in London und anderen europäischen Städten.
Langfristig bauen wir ein Plattformgeschäft auf – ähnlich wie OMR. Eine Academy für Weiterbildung, ein Marktplatz für Dienstleister, Recruiting-Lösungen. Das Event ist der Kern, aber die digitale Verlängerung das ganze Jahr über ist die Zukunft.
Fazit
Der Weg von data:unplugged zeigt: Große Events entstehen selten durch perfekte Planung, sondern durch klare Haltung, konsequente Themenwahl und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, bevor der Erfolg messbar ist. Wir beobachten häufig, dass genau diese Faktoren – Relevanz, Authentizität und der Mut zur eigenen Linie – über Wirkung und Wachstum eines Formats entscheiden. Deshalb achten wir bei der Einordnung von Events und der Auswahl passender Speaker immer auch darauf, welche Haltung und welches Ziel dahinterstehen.